CRM auswählen: Leitfaden für kleine Unternehmen
So wählen Sie das passende CRM aus: Kundenprozess abbilden, Muss-Kriterien festlegen, Optionen bewerten, realistisch testen und ohne Datenverlust umziehen.
Um ein CRM für ein kleines Unternehmen auszuwählen, beginnen Sie mit Ihrem Kundenprozess, nicht mit der Software. Bilden Sie ab, wie ein Kunde vom ersten Kontakt bis zum Wiederholungskauf durch Ihr Unternehmen läuft, machen Sie aus jedem Schritt konkrete Anforderungen, prüfen Sie den Markt gegen eine kurze Liste von Muss-Kriterien, bewerten Sie zwei oder drei Finalisten und führen Sie einen echten Test mit Ihren eigenen Daten und Ihrem eigenen Team durch, bevor Sie sich festlegen. Das beste CRM ist das, das Ihr Team tatsächlich aktuell hält.
Dieser Leitfaden führt Sie der Reihe nach durch diesen Prozess, mit einer Anforderungs-Checkliste, einer Bewertungsmatrix zum Übernehmen, einem Testplan und einer Checkliste für die Datenmigration.
Warum die CRM-Auswahl schiefgeht
Die meisten gescheiterten CRM-Projekte scheitern nicht an schlechter Software. Sie scheitern aus einem dieser Gründe:
- Niemand hat das Problem definiert. „Wir brauchen ein CRM“ ist kein Ziel. „Wir vergessen, bei Angeboten nachzufassen“ oder „zwei Leute rufen am selben Tag denselben Kunden an“ schon.
- Zu viele Funktionen, zu wenig Nutzung. Komplexe Systeme brauchen Dateneingabe. Wenn sich das Eintragen wie eine lästige Pflicht anfühlt, hören die Leute damit auf, und ein CRM mit veralteten Daten ist schlimmer als gar keines, weil es falsche Sicherheit vermittelt.
- Die Demo ist nicht der Alltag. Eine polierte Vertriebsdemo zeigt ideale Daten. Ihre Daten sind unordentlich, Ihr Prozess hat Ausnahmen, und Ihr Team hat Gewohnheiten.
- Die Migration war ein Nachgedanke. Kontakte, Historie und offene Verkaufschancen umzuziehen, dauert länger, als alle erwarten.
Jeder der folgenden Schritte ist darauf ausgelegt, eine dieser Fallen zu vermeiden.
Schritt 1: Ihren Kundenprozess abbilden
Bevor Sie sich ein einziges Produkt ansehen, schreiben Sie auf, welche Phasen ein Kunde bei Ihnen durchläuft. Beschränken Sie sich auf eine Seite. Bei einem kleinen B2B-Dienstleister könnte das so aussehen:
| Phase | Was passiert | Wer ist beteiligt | Was heute vergessen wird |
|---|---|---|---|
| Lead | Anfrage über Kontaktformular, Telefon oder Empfehlung | Inhaber | Leads aus Telefonaten werden nie notiert |
| Qualifizierung | Kurzes Gespräch zu Passung und Budget | Inhaber | Keine Notiz, warum ein Lead abgelehnt wurde |
| Angebot | Angebot per E-Mail versendet | Inhaber, Projektleitung | Nachfassen nach 7 Tagen wird oft vergessen |
| Gewonnen / Onboarding | Kick-off, Vertrag, erste Rechnung | Projektleitung, Verwaltung | Die Kick-off-Checkliste existiert nur im Kopf einer Person |
| Umsetzung | Projektarbeit, Statusupdates | Projektleitung | Kundenfragen liegen in persönlichen Postfächern |
| Kundenpflege | Regelmäßiger Austausch, Verlängerungen, Zusatzverkäufe | Inhaber | Zwischen Projekten ruft niemand die Kunden an |
Ein Einzelhandelsgeschäft oder ein Onlineshop hat andere Phasen (Erstkauf, Zweitkauf, inaktiv, reaktiviert), aber das Prinzip ist dasselbe. Die rechte Spalte ist die wichtigste: Sie zeigt, was das CRM lösen muss.
Schritt 2: Probleme in Anforderungen übersetzen
Übersetzen Sie nun jeden Schmerzpunkt in eine Anforderung und ordnen Sie die Anforderungen drei Gruppen zu:
- Muss: Ohne diese Funktion löst das System Ihr Problem nicht.
- Sollte: Klar nützlich, aber Sie könnten eine Weile darauf verzichten.
- Kann: Interessant, aber Sie würden dafür nicht extra bezahlen.
Seien Sie streng. Die meisten kleinen Unternehmen kommen auf fünf bis acht echte Muss-Kriterien. Hier eine Checkliste als Ausgangspunkt, die Sie anpassen können:
Anforderungs-Checkliste
Kontakte und Unternehmen
- Personen und Unternehmen speichern und Personen ihrem Unternehmen zuordnen
- Eigene Felder für die Angaben, die Sie tatsächlich nutzen (siehe welche Daten Sie im CRM speichern sollten)
- Dublettenerkennung beim Anlegen oder Importieren von Kontakten
- Import aus CSV oder Tabelle mit Feldzuordnung
Pipeline und Nachfassen
- Verkaufschancen mit Phasen, die zu Ihrem Prozess passen
- Aufgaben und Erinnerungen, die an einen Kontakt oder eine Verkaufschance gebunden sind
- Eine klare Übersicht: „Was muss ich heute erledigen?“
Kommunikationshistorie
- E-Mails, Anrufe und Notizen direkt im Kontaktdatensatz sichtbar
- Anbindung an das E-Mail-Programm, das Sie bereits nutzen
- Gemeinsame Sichtbarkeit, damit eine Kollegin ein Gespräch übernehmen kann
Auswertungen
- Einfacher Pipeline-Bericht (Verkaufschancen nach Phase, Wert, Alter)
- Aktivitätsbericht (erledigte und überfällige Nachfassaktionen)
- Export Ihrer Daten jederzeit in einem Standardformat
Praktische Rahmenbedingungen
- Funktioniert auf den Geräten Ihres Teams, auch mobil, wenn Sie unterwegs arbeiten
- Benutzerrollen und Berechtigungen, falls nicht alle alles sehen sollen
- Speicherort der Daten und Bedingungen zur Auftragsverarbeitung, die zu Ihren Pflichten nach DSGVO passen
- Gesamtkosten, die Sie bei der in zwei Jahren erwarteten Teamgröße tragen können
Der Export verdient besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie Ihre Daten nicht sauber herausbekommen, wird ein späterer Wechsel teuer. Fragen Sie ausdrücklich danach.
Schritt 3: Den Markt auf dem Papier sichten
Mit Ihren Muss-Kriterien in der Hand erstellen Sie eine lange Liste von Kandidaten: aus Software-Verzeichnissen, aus Empfehlungen von Unternehmen, die Ihrem ähnlich sind, und aus Tools, die sich mit Ihrer vorhandenen Software verbinden lassen (Buchhaltung, E-Mail, Terminbuchung oder Shopsystem).
Prüfen Sie jeden Kandidaten nur gegen die Muss-Kriterien, anhand öffentlicher Dokumentation und Preisseiten. Was ein Muss-Kriterium eindeutig verfehlt, fliegt raus. Buchen Sie noch keine Demos; Demos kosten Zeit und sind überzeugend, und Sie sollten mit einer kurzen Liste in sie hineingehen.
Fragen, die Ihnen bei der schnellen Sichtung helfen:
- Unterstützt es die Art Ihrer Kundenbeziehung (einmalige Projekte, wiederkehrende Einkäufe im Handel, Abonnements)?
- Ist es für Teams Ihrer Größe gebaut, oder setzt es eine eigene Administratorin voraus?
- Lässt es sich mit den Tools verbinden, in denen Ihre Kundendaten bereits liegen?
- Wird pro Nutzer, pro Kontakt oder nach Funktionsstufe abgerechnet, und wie entwickeln sich die Kosten, wenn Sie wachsen?
Schritt 4: Die Finalisten bewerten
Wählen Sie bis zu drei Finalisten aus und bewerten Sie sie mit einer gewichteten Matrix. Die Gewichtung zwingt Sie dazu, sich einzugestehen, was am wichtigsten ist. Hier eine Vorlage mit Beispielgewichten und Beispielpunkten:
| Kriterium | Gewicht (1–5) | Option A | Option B | Option C |
|---|---|---|---|---|
| Passt ohne Umwege zu unseren Pipeline-Phasen | 5 | 4 | 3 | 5 |
| Schnell im Alltag (Anruf erfassen, Erinnerung setzen) | 5 | 5 | 3 | 3 |
| E-Mail-Anbindung an unser aktuelles Programm | 4 | 4 | 5 | 3 |
| Import und sauberer Export | 4 | 4 | 4 | 2 |
| Berichte, die wir tatsächlich ansehen | 3 | 3 | 4 | 4 |
| Kosten bei erwarteter Teamgröße | 3 | 4 | 3 | 3 |
| Mobile Nutzung | 2 | 3 | 4 | 3 |
| Gewichtete Summe | 104 | 95 | 87 |
Die gewichtete Summe ist die Summe aus Gewicht × Punkten. In diesem Beispiel gewinnt Option A vor allem, weil sie bei alltäglichen Aufgaben schnell ist, obwohl B die besseren Integrationen hat. Das ist ein typisches, gesundes Ergebnis: Die Alltagstauglichkeit verdient meist das höchste Gewicht, weil sie über die Akzeptanz entscheidet.
Tragen Sie die Punkte erst nach einem praktischen Test ein. Wer nach einer Demo bewertet, belohnt den besten Präsentator, nicht die beste Lösung.
Schritt 5: Einen echten Test durchführen
Im Test lernen Sie am meisten. Gestalten Sie ihn realistisch:
- Importieren Sie einen echten Ausschnitt Ihrer Daten. Zum Beispiel 100 Kontakte, 20 offene Verkaufschancen und die zugehörigen Notizen. Das prüft Import, Feldzuordnung und Dubletten.
- Beziehen Sie die täglichen Nutzer ein. Wer zehn Anrufe am Tag erfasst, kann die Bedienbarkeit besser beurteilen als die Person, die den Vertrag unterschreibt.
- Spielen Sie Ihren Prozess komplett durch. Führen Sie in jedem Finalisten einen Lead von der Anfrage bis zum gewonnenen Auftrag, inklusive Erinnerungen und E-Mail.
- Erledigen Sie die langweiligen Aufgaben. Zwei doppelte Kontakte zusammenführen, die Phase mehrerer Verkaufschancen auf einmal ändern, alles in eine Tabelle exportieren.
- Notieren Sie Reibungspunkte sofort. Jeder „Wie mache ich …?“-Moment ist ein Datenpunkt.
Ein hilfreiches Testskript ist eine Liste von zehn Aufgaben, die eine normale Woche abbilden. Messen Sie, wie lange jede dauert. Ein paar Sekunden Unterschied pro Aufgabe summieren sich über Tausende Wiederholungen.
Fragen an Anbieter während des Tests
- Wie exportieren wir alle unsere Daten, einschließlich Notizen und Aktivitätshistorie, und in welchem Format?
- Was passiert mit unseren Daten, wenn wir kündigen?
- Welche Funktionen aus der Demo sind in dem Tarif enthalten, den wir in Betracht ziehen?
- Wie werden Preiserhöhungen kommuniziert, und gibt es eine Mindestvertragslaufzeit?
- Wo werden unsere Daten gespeichert, und stellen Sie einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung bereit?
- Welche Unterstützung erhalten wir bei Einrichtung und Migration, und ist sie im Preis enthalten?
Schreiben Sie die Antworten auf. Ist eine Antwort vage, fragen Sie schriftlich noch einmal nach.
Schritt 6: Die Migration planen
Sobald Sie sich entschieden haben, planen Sie den Umzug, bevor Sie zusätzliche Lizenzen kaufen oder etwas kündigen.
Checkliste für die Migration
- Entscheiden Sie, was umzieht: aktive Kunden, offene Verkaufschancen, die Historie der letzten N Jahre. Es muss nicht alles mit.
- Bereinigen Sie die Daten vor dem Import: Dubletten zusammenführen, Länder- und Telefonformate vereinheitlichen, Kontakte löschen, die Sie ohne Grund aufbewahren.
- Ordnen Sie jedes alte Feld einem neuen Feld zu und entscheiden Sie, was mit Feldern ohne Entsprechung passiert.
- Importieren Sie einen Testlauf, prüfen Sie ihn, korrigieren Sie die Zuordnung und importieren Sie dann den Rest.
- Legen Sie einen Stichtag fest, ab dem alle neuen Informationen ausschließlich ins CRM gehen.
- Lassen Sie das alte System einige Monate schreibgeschützt als Sicherheitsnetz bestehen.
- Schreiben Sie einen einseitigen Leitfaden „So nutzen wir das CRM“: welche Felder Pflicht sind, wie die Phasen der Verkaufschancen definiert sind und wer fürs Nachfassen zuständig ist.
Der letzte Punkt ist wichtiger, als er aussieht. Zwei Personen mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, was „qualifiziert“ bedeutet, erzeugen einen Pipeline-Bericht, der nichts aussagt.
Schritt 7: Die Akzeptanz in den ersten 90 Tagen sichern
Die Wochen nach dem Start entscheiden, ob das CRM zur einzigen verlässlichen Quelle wird oder zu einem weiteren aufgegebenen Tool.
- Machen Sie es zum einzigen Ort für Kundeninformationen. Solange Notizen noch in persönlichen Postfächern liegen, werden die Leute weiter das Postfach nutzen.
- Führen Sie eine wöchentliche Pipeline-Besprechung direkt am CRM-Bildschirm ein. Meetings sind der stärkste Gewohnheitsbildner, den es gibt.
- Halten Sie Pflichtfelder auf ein Minimum. Jedes Pflichtfeld erzeugt Reibung. Ergänzen Sie Felder erst, wenn Sie wissen, dass Sie die Daten nutzen werden.
- Ziehen Sie nach 30 und nach 90 Tagen Bilanz. Was wird übersprungen? Welche Berichte öffnet überhaupt jemand? Entfernen Sie, was niemand nutzt.
Sobald die Grundlagen funktionieren, wird das CRM zur Basis Ihrer Arbeit an der Kundenbindung: Warnsignale für Kundenabwanderung erkennen, regelmäßige Kundengespräche planen und Ergebnisse mit einfachen Kennzahlen wie Ihrer Churn-Rate messen.
Wer für welchen Teil der Kundenbeziehung zuständig ist
Ein CRM erzwingt außerdem eine Entscheidung, die viele kleine Unternehmen nie ausdrücklich treffen: Wer ist für welchen Kunden zuständig, und wofür? Reaktive Anliegen (Fragen, Probleme, Rücksendungen) und proaktive Arbeit (Onboarding, regelmäßige Gespräche, Verlängerungen) werden oft von verschiedenen Personen erledigt oder von derselben Person zu verschiedenen Zeiten. Unser Leitfaden zu Customer Success vs. Kundenservice erklärt die Aufteilung. Wie auch immer Sie sich entscheiden: Das CRM sollte pro Kunde eine verantwortliche Person zeigen und beide Arten von Arbeit sichtbar machen.
Brauchen Sie überhaupt schon ein CRM?
Nicht jedes Unternehmen braucht heute eines. Wenn Sie als Einzelunternehmer ein paar Dutzend Kunden und einen einfachen Verkaufsprozess haben, kann Ihnen eine strukturierte Tabelle noch eine ganze Weile gute Dienste leisten. Der Entscheidungspunkt kommt meist, wenn mehr als eine Person Kunden betreut, wenn Nachfassaktionen durchs Raster fallen oder wenn Sie die Frage „Wann haben wir zuletzt mit diesem Kunden gesprochen?“ nicht in unter einer Minute beantworten können. Unser Vergleich Tabellenkalkulation oder CRM listet die Signale im Detail auf.
Ihr nächster Schritt
Blocken Sie sich diese Woche eine Stunde und füllen Sie die Prozesstabelle aus Schritt 1 aus. Ergänzen Sie für jede Phase die Spalte „Was heute vergessen wird“. Diese eine Seite wird Ihre CRM-Auswahl stärker lenken als jede Funktionsliste, und sie ist das Dokument, das Sie jedem Anbieter geben, mit dem Sie sprechen.
Häufige Fragen
Was ist der erste Schritt bei der Auswahl eines CRM?
Schreiben Sie auf, wie ein Kunde heute durch Ihr Unternehmen läuft, vom ersten Kontakt bis zum Wiederholungskauf. Das CRM sollte diesen Prozess unterstützen; Funktionen zählen nur, wenn sie einem Schritt dienen, den Sie tatsächlich haben.
Wie viele CRM-Systeme sollte ich vergleichen?
Drei reichen für einen ernsthaften Vergleich meist aus. Prüfen Sie eine längere Liste zunächst auf dem Papier gegen Ihre Muss-Kriterien und testen Sie dann höchstens drei Finalisten praktisch.
Wie lange sollte eine CRM-Testphase dauern?
Lange genug, um echte Arbeit darin zu erledigen, in der Regel zwei bis vier Wochen. Arbeiten Sie mit echten Kontakten, echten Verkaufschancen und den Personen, die das System täglich nutzen werden, nicht mit einem Demo-Konto voller Beispieldaten.
Brauche ich ein CRM, wenn ich nur ein paar hundert Kunden habe?
Nicht unbedingt. Eine gut strukturierte Tabelle kann für einen kleinen, überschaubaren Kundenstamm genügen. Ein CRM lohnt sich, sobald mehrere Personen Kundendaten teilen, Nachfassaktionen untergehen oder Sie pro Kunde eine verlässliche Historie brauchen.
Was ist der größte Fehler bei der CRM-Auswahl?
Nach Funktionen statt nach Akzeptanz zu kaufen. Ein System mit weniger Funktionen, das Ihr Team jeden Tag nutzt, schlägt ein leistungsstarkes, das niemand pflegt.